Samstag, 7. April 2018

Shoppen in der Stadt der Tempel


 Heute ein etwas kürzerer Eintrag. Ursprünglich stand noch die Stadt Himeji mit ihrer berühmten Burg auf dem Reiseplan, aber nach den Wanderungen der letzten Tage war ein weiterer Tag voller Laufen und Treppensteigen dann doch nicht mehr so attraktiv. Zudem war ab dem Mittag ausgiebiger Regen angekündigt - nicht gerade das Wetter, in dem man durch die weitläufigen Außengelände Himejis spazieren möchte.

Also planten wir um, schoben Himeji in die Planung für weitere zukünftige Reisen und schliefen stattdessen erstmal aus. Füße und Körper dankten es, so dass wir zum Mittag in die verregnete Innenstadt fahren konnten und uns erneut in die Teramachi-Shopping-Arkaden stürzten.

Zum Mittagessen ging es noch in ein etwas spezielles Ramen-Restaurant. Die aus der Stadt Fukuoka auf Kyushu stammende Kette Ichiran Ramen hat sich komplett den Nudelsuppen verschrieben und nutzt ein besonderes Konzept:
Die Besucher werden hereingewinkten und bestellen erst einmal am Automaten ihre Speise. Was nicht allzu schwer ist, denn grundlegend gibt es immer erst einmal Tonkotsu-Ramen (Nudeln in einer Suppe aus Schweinebrühe und mit Schweinefleischscheiben). Dazu kann man, wenn man möchte, gleich Beilagen wie Pilze, ein gekochtes Ei oder andere Dinge kaufen.

Hat man seine "Essensmarke" vom Automaten, bekommt man Zettel in die Hand, die es netterweise auch auf Englisch gibt. Hier wird die Bestellung konkretisiert: wie hart oder weich sollen die Nudeln sein? Möchte man die Ramen ohne Fleisch? Wieviel Fett soll in die Suppe? Wieviel Knoblauch? Und wieviel von der scharfen Soße, die eine Besonderheit der Ichiran-Ramen ist?
Um Neukunden nicht zu überfordern gibt es für jede Auswahl eine Empfehlung des Hauses.

Dann heißt es kurz warten, bis ein Platz frei wird. Denn Ichiran arbeitet nicht mit klassischen Tischen - stattdessen gibt es auf jeder Etage zwei Gänge, in denen jeweils links und rechts Tresen mit Barhockern angebracht sind. In der Kyotoer Filiale finden hier 8 Gäste nebeneinander Platz. Anhand von Leuchtzeichen und bunten Lichtern sieht man, welche Plätze besetzt oder frei sind, ob ein Kunde seine Bestellung erhalten hat noch wartet oder eine neue Bestellung aufgegeben hat.



Sind genug Plätze frei, wird man von einem Mitarbeiter zu einem Platz gewiesen und findet diesen Anblick vor: eine kleine Nische, durch Holzwändchen getrennt vom Sitznachbarn - allerdings kann man die Wände auch umklappen, wenn man gemeinsam unterwegs ist. Linkerhand findet sich ein Wasserhahn und Becher - irgendeine Form von Wasser und Tee ist in Japan immer kostenlos. Hinter der dunklen Nische liegt ein Gang, der zur Küche führt und für Gäste nicht zugänglich und kaum einsehbar ist.

Nun legt man seinen Bestellzettel und die Essensmarken auf das rote Feld am Ende des Tisches und wartet kurz. Ein Mitarbeiter, dessen Gesicht man nicht sieht, nimmt die Bestellung entgegen und verschwindet, bevor er kurz darauf mit einer dampfenden Schüssel voll mit allem, was man bestellt hat, zurückkommt. Jetzt lassen die Mitarbeiter ein kleines Bambusrollo hinunter und zeigen damit: dieser Gast wurde bedient und isst nun.

Man ist nun ganz allein mit sich und seiner Suppe, ohne großartige Ablenkungen von außen - zumindest ist das die Idee. Denn auch wenn Ichiran optisch aufs Minimum reduziert ist, akustisch ist immer was los - dort nimmt ein Mitarbeiter mit höflichen Floskeln eine Bestellung an, hier klingelt irgendetwas und da drüben kündigt eine Melodie neue Gäste an. Trotzdem geht das Konzept auf - man kann sich sehr gut auf den leckeren Geschmack der Ramen konzentrieren.


Wem die Standardportion zu wenig ist, der kann die Möglichkeit des Nachfüllens nutzen. Wenn man seine Nudeln bereits aus der Schale geschlürft hat und noch viel Suppe übrig ist, legt man das entsprechende Geld bereit, kreuzt auf dem zweiten Bestellzettel die Option Nachfüllen an und legt beides zum Klingelknopf, den man dann drückt. Einen Moment später geht das Rollo hoch, ein Mitarbeiter nimmt alles entgegen und serviert kurz darauf neue Nudeln. Ebenso kann man andere Beilagen bestellen. Wenn man dann letztlich fertig ist und das Restaurant verlässt zeigt den Mitarbeitern ein kleines Lämpchen, dass sie mal nachschauen ob der Gast wirklich ganz weg ist, oder nur kurz aufgestanden ist, dazu gibt es oberhalb jedes Platzes ein kleines Guckfenster mit Schiebetür.


Frisch gestärkt ging es dann also in die Teramachi. Mittlerweile kennen wir auch den Hintergrund ihres Namens. Denn Teramachi bedeutet wörtlich "Stadt der Tempel". Im 16. Jahrhundert ließ ein großer Feudalherrscher über achtzig Tempel in diese Straße verlegen. Mit den Tempeln kamen Händler, die in den Tempeln einen Markt für Papier, Bücher, Pinsel, Medizin etc. fanden. Es siedelten sich daneben Handwerker an, die etwa Papier und traditionelle Instrumente herstellten. Mit der Zeit verschwanden viele der Tempel und machten mehr Geschäften Platz, bis die heutigen weitreichenden Arkaden entstanden.

Es ist schlicht unmöglich jeden der Läden vorzustellen, die wir auf dem Weg so fanden, daher hier nur ein paar kurze Eindrücke:


Tiercafes sind in Japan sehr beliebt. Angefangen von Katzen-Cafes, über Affen, Eulen oder eben Shiba-Inus bieten sie die Möglichkeit, beim Essen und Trinken tierische Gesellschaft zu genießen. In einem gut organisierten und geführten Café in einer ruhigen Gegend ist das sicher eine tolle Sache und auch für die Tiere angenehm, wenn Rückzugsräume vorhanden sind. Leider muss man davon ausgehen, dass gerade in einer Touristenmeile wie der Teramachi, in der unablässig Besucher in die Cafés stürmen, das Tierwohl eher in den Hintergrund rücken kann.
Während sich die kuschligen Mameshibas als Schoßhunde vielleicht noch über die vielen Menschen freuen, darf das bei den wilden Eulen und Bengalkatzen eher bezweifelt werden. Wir verzichteten daher - auch aus Zeitmangel - erst einmal auf einen Besuch.



Ein anderes bemerkenswertes Geschäft war ein kleiner Puppenladen, in dem man aus Einzelteilen seine eigene Puppe zusammensetzen und diese dann mit unzähligen Kleidungsstücken und Accessoires ausstatten konnte. Von der kleinen Miko (Schreindienerin) bis zum hippen Rocker lässt sich hier jede Wunschpuppe herstellen.



Andere Läden boten Merchandise für bekannte und unbekannte Anime und Manga (japanische Comics und Cartoons, um es einfach auszudrücken), von Fans gezeichnete Magazine, japanische Schreibwaren, Stempel, Haarschmuck, Kleidung und manchmal sogar traditionelles japanisches Porzellan mit modernen Anime-Motiven.


Eine Stärkung zwischendurch gab es in der Nishiki-Straße, einer reinen Fressmeile mit unzähligen kleinen Läden vom rohen Fisch über Sojabohnen bis hin zu fertigen Speisen.
Wir wählten einen winzigen Crepe-Laden, in dem die Crepes vor unseren Augen zubereitet wurden und der allerhand kreative Varianten der Süßspeise anbot. Interessant war auch das Innere - Abflüsse an den Wänden, geflieste Wände und Boden sowie ein Waschbecken an der Wand zeigten nämlich: dieser Laden war in den Überresten einer früheren Toilette aufgebaut wurden, die wohl im Laufe der Zeit durch moderne WCs in anderen Teilen der Arkaden ersetzt worden war. Offensichtlich gilt auch hier: kein Stückchen Platz wird verschwendet.




Ein Teil der Gruppe machte sich durch den Regen nochmal auf Richtung Higashiyama, wo wir am ersten Tag den Kiyomizu-Tempel besucht hatten. Denn dort gab es eine Laden, der sich auf die japanische Ume-Pflaume spezialisiert und einen sehr leckeren Umeshu (Pflaumenwein) im Sortiment hatte. Die durch den Regen deutlich ausgedünnten Touristenströme machten es nun auch möglich, tatsächlich mal die meisten der Geschäfte am Wegesrand zu besichtigen, ohne konstant vorwärts geschoben zu werden.

So entdeckten wir gleich zwei Geschäfte mit Merchandise des Studio Ghibli - jenes Animationsstudio, das es mit Filmen wie "Chihiros Reise ins Zauberland", "Mein Nachbar Totoro", "Das Wandelnde Schloss" und "Prinzessin Mononoke" auch im Westen zu Berühmtheit gebracht hat.
Passend zu den magisch-fantastischen Welten der Ghibli-Filme waren die Läden selbst kreativ eingerichtet, fühlten sich an wie kleine Wälder oder Gärten, in denen man an jeder Ecke etwas Neues entdeckte. Natürlich spielten im Hintergrund dauerhaft bekannte Melodien aus den Filmen.





Am Abend ging es dann noch mit der gesamten Gruppe zum Essen. Ziel war das Narabiya, eine Mischung aus japanischer Kneipe Izakaya und einem Teppanyaki-Restaurant.
Wir waren bereits zwei Mal hier, und nachdem die Bedienung beim ersten Mal noch skeptisch war, ob die Verständigung mit den Ausländern klappen würde, begrüßte man uns mittlerweile wie jeden anderen Gast.

Diesmal durften wir uns in den japanischen Bereich des Restaurants setzen, in dem man traditionell auf dem Boden sitzt. Die Tische sind mit Teppan-Yaki-Grills ausgestattet, die mit Gas betrieben werden.
Im Angebot hat das Narabiya neben alkoholischen Getränken (unter anderem ein riesiger Pitcher Bier mit etwa 1,7 Liter Inhalt) eine Menge gebratener Speisen wie Okonimiyaki (eine Art deftiger Pfannkuchen) und Yakisoba (gebratene Nudeln). Zubereitet werden die vom Koch in der Küche, der Tischgrill dient nur zum Warmhalten. Ein guter und leckerer Ausklang unseres vorletzten Tages in Kyoto.



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