Freitag, 13. April 2018

Reif für die Insel

So langsam aber sicher neigt sich unsere Zeit in Japan dem Ende zu. Für den heutigen Tag stand daher nochmal ein größerer Ausflug auf dem Plan - zumindest für einen Teil der Truppe. Denn Arthur und Momo nutzten die Gelegenheit für einen Pärchentag in der Stadt, während alle anderen sich aus dem Großstadtdschungel ans Meer flüchteten.

Für uns ging es mit dem Zug erst einmal knapp eine Stunde bis Ofuna, eine größere Stadt südlich von Yokohama. Von dort fuhr ein besonderes Verkehrsmittel. Die Japaner hatten sich nämlich gedacht: "Wir wollen hier noch einen Zug, haben aber keinen Platz für Schienen..." - also legten sie die Schienen kurzerhand zehn Meter über den Boden und bauten eine Monorail, die sich durch die engen Straßen zwischen Ofuna, Kamakura und Fujisawa schlängelt. Man bekam beinahe den Wunsch, jedem Bewohner der Häuser, an deren Fenster man knapp vorbeifuhr, freundlich zuzunicken und einen guten Tag zu wünschen.

Einen besonderen Gastauftritt legte an diesem Tag der Fuji hin. Er zeigte sich, nur von leichtem Dunst begleitet, mal ganz ohne Wolken und war bis zum Nachmittag immer wieder zu sehen. Hatten wir ihn schon nicht aus der Nähe gesehen - das wäre wohl ein Ziel fürs nächste Mal - so konnten wir ihn wenigstens aus der Ferne genießen.



Die Monorail brachte uns bis zur Brücke nach Enoshima - diese kleine Insel in der Sagami-Bucht ist ein beliebtes Ausflugsziel unter Japanern und wird oft als Reiseziel empfohlen. Trotzdem waren vergleichsweise wenige westliche Touristen unterwegs, so dass sich der Ort wie ein kleiner Geheimtipp anfühlte. Dazu schien bei warmen 23 Grad die Sonne - besseres Wetter konnten wir kaum erwarten.





Hat man die Zugangsbrücke einmal überschritten, wird man von einer quirligen Einkaufsstraße begrüßt, an der sich Restaurant an Imbiss an Souvenirladen an Kitschgeschäft reiht. Enoshima ist Teil des Shonan-Erholungsgebiets und lebt hauptsächlich vom Tourismus. Die gesamte Insel ist Benzaiten, einer der sieben Glücksgötter und Göttin der Musik, gewidmet, die an vielen Schreinen verehrt wird. Bekannt ist Enoshima zudem für seine Höhlen, die malerischen Klippen und die vielen streunenden Katzen.



Enoshima ist weniger eine flache Insel als vielmehr ein aus dem Meer aufragender zerklüfteter Berg, der den Menschen netterweise erlaubt hat an seinen zugänglichen Stellen zu siedeln. So ist die Insel nichts für Leute ohne Ausdauer, denn gleich nach den ersten Metern geht es steil bergauf, und bis zum Hauptschrein der Insel sind einige Stufen zu bewältigen. Mittlerweile hat man aber eine - kostenpflichtige - dreiteilige Rolltreppe gebaut.
Autos findet man auf Enoshima ebenfalls nur wenige, denn bis auf den Berg hinauf gibt es nur wenige sehr enge Straßen.



Eine Benzaiten-Figur am Tempel. Drachen sind ebenfalls ein häufiges Motiv auf Enoshima, wahrscheinlich als Boten der Göttin. 

Videospiel-Fans werden wissen, wer von diesem Wappen inspiriert wurde... 



Eine Übersichtskarte der Insel auf einem Schild in Form eines traditionellen Instruments, wie es Benzaiten spielt. 


Gipfelfoto. Naja, eher Halbzeit-Foto. Aufgenommen mit einem der praktischen Selfie-Points, an denen man sein Handy auf eine angebrachte Halterung legt und nur noch auf Selbstauslöser stellen muss.


Auf dem Berg angekommen findet man den Samuel Cocking Garden. Cocking war ein britischer Geschäftsmann, der in der Meiji-Zeit eine Japanerin heiratete und in ihrem Namen Land auf der Insel erwarb. Hier baute er ein Kraftwerk und einen botanischen Garten samt Gewächshaus. Das Gewächshaus wurde bei einem großen Erdbeben zerstört, der Garten wurde aber weitergeführt und ist heute eine beliebte Attraktion. In ihm finden sich Pflanzen aus aller Welt und Aufbauten der Partnerstädte Enoshimas. Außerdem hat man von dem Sea Candle genannten Leuchtturm aus einen tollen Blick auf die Bucht, die Insel und das Festland.



Zum Mittag ließen wir uns in einem gemütlichen Restaurant nieder, das vor allem fangfrische Fischspeisen im Angebot hatte. Ebenso gab es ein lokal gebrautes Bier und Cream-Soda - süße Limonade mit einer Kugel Vanilleeis.



Direkt neben dem Restaurant lag ein Tempel, der von grimmigen Wächterfiguren bewacht wurde. In ihm fanden wir eine Götter-Statue, die wir einen Tag zuvor noch als großes Tattoo auf dem Rücken eines Japaners im Onsen gesehen hatten. Das bestätigte uns noch einmal, was wir eigentlich schon wussten - wir hatten gestern einen waschechten Yakuza (ein Mitglied der japanischen Mafia) beim Baden gesehen.





In dieser kleinen künstlichen Höhle haust ein Drachengott. 



Am anderen Ende der Insel ging es die Klippen hinab bis zum Meer. Eigentlich gelangt man hier über einen schmalen Betonsteg bis zu einigen natürlichen Höhlen. Wegen Schäden durch einen Taifun im November 2017 werden die Höhlen aber gerade instand gesetzt und können nicht besucht werden. Auch das bleibt also für eine andere Reise im Hinterkopf.






Nachschub wird auf Enoshima teilweise noch mit reiner Körperkraft geliefert. 



Nach einer tollen Runde auf Enoshima fielen wir letztlich ausgepowert in den Enoden-Zug nach Enoshima, eine Art Straßenbahn mit Nostalgie-Flair. Diese brachte uns nach Kamakura, wo wieder Züge der Japan Rail fuhren. Ziel: Shinjuku.

Während wir auf der Insel unterwegs waren, hatten Momo und Arthur die Stadtteile Shibuya und Harajuku erneut erkundet. Diesmal waren die Straßen fast menschenleer und die beiden konnten die vielen Nebenstraßen betreten und in Ruhe die Angebote der Läden auskundschaften. Dabei stellten sie fest, dass man auch in Tokyo noch viele Schreine und Tempel finden kann - nur eben nicht wie in Kyoto an jeder Hauptstraße, sondern eher in den ruhigen Vierteln, die sich zwischen den großen Straßen mit ihren Leuchtreklamen und Geschäften verbergen.













Die anderen vier hatten sich entschieden noch ein Glücksspiel zu spielen: wir fuhren erneut zum Rathaus. Durch die Menschenmassen Shinjukus fanden wir das imposante Gebäude wieder, bogen um die Ecke zum Eingang - und hatten Glück, denn die Schlange war diesmal wesentlich kürzer. Nach etwa fünfzehn Minuten waren nun endlich auf der Aussichtsplattform im 45. Stock des Nord-Turms und genoßen den Sonnenuntergang und den Blick über das Lichtermeer, in das sich Tokyo bei Nacht verwandelt.


Fun-Fact: dieses Gebäude gehört zum Regierungsviertel. Es beherbergt vorrangig Büro. Aber wer ein Zoom-Objektiv hat, entdeckt auf der obersten Etage ein Etablissement, in dem neben Damen im traditionellen Yukata auch Bunny-Girls mit Häschen-Ohren rumlaufen. 







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