Freitag, 6. April 2018

Eine Großstadt mit zwei Bergen und nem Fuchsgott obendrauf

Der heutige Tag war der Natur Kyotos gewidmet. Um die zu erreichen, mussten wir allerdings erst einmal Zug fahren. Und zwar um eine Zeit, in der noch einige Pendler unterwegs waren. Als sich die Zugtüren öffneten starrte uns eine Mauer aus menschlichen Körpern entgegen. Also erstmal eine Tür weiter - aber da sah es auch nicht besser aus. An der nächsten Tür zeigte sich schließlich ein knapper Quadratmeter Platz, das musste reichen! Während Poti sich noch einen Platz ein paar Türen weiter suchte, stürzten und quetschten wir uns beherzt ins Getümmel und taten das, was die Japaner tagtäglich tun - wir genossen das Leben in vollen Zügen.

Umfallen kann hier schon mal keiner.


Zum Glück dauerte die Fahrt bis zur Station Saga-Arashiyama am westlichen Rand Kyotos nicht lang und wir schoben uns gemeinsam mit tausenden hunderten anderen Touristen aus dem Zug und die Straßen des ansonsten eher ruhigen Viertels entlang. Ziel der meisten war der Bambuswald, der Arashiyama zum beliebten Ausflugsziel macht. Der Anblick der meterhohen Bambussäulen, die einen schier endlosen Wald bildeten, entschädigte schnell für das Gedränge rundherum.




Einige Minuten später stolperten wir aus dem Wald und liefen in Richtung des Flusses, der sich von Westen her durch ein idyllisches Tal zieht und schließlich durch Arashiyama fließt. Auf ihm sind viele Touristenkähne unterwegs, die klassisch von Hand vorangetrieben werden.




Über die Togektsukyo-Brücke, eine lange geschwungene Brücke die zwar sehr alt und bekannt ist, aber ehrlich gesagt mit ihrer neueren Betonkonstruktion nicht den schönsten Anblick bietet, gelangten wir ans andere Flussufer. Dort wurden die Touristenströme schon deutlich dünner, und kurz darauf erreichten wir unser nächstes Ziel: den Eingang zum Berg Iwata mit dem Iwatayama Monkey Park. Auf dem Berg leben viele der in Japan heimischen Rotgesichtsmakaken und im Monkey Park hat man die Gelegenheit, diesen niedlichen Tieren sehr nahe zu kommen. Da es sich immer noch um wilde Tiere handelt, ist Streicheln nicht erlaubt und auch ansonsten hat man sich den Tieren gegenüber umsichtig zu verhalten.

Das Konzept des Parks ist, dass die Besucher über einen Wanderweg bis zu einem Aussichtspunkt etwa auf halber Höhe des Berges laufen. Dort findet man nicht nur einen atemberaubenden Ausblick über Kyoto - es tummeln sich auch viele der Makaken auf und um den Platz. Denn hier steht die Beobachtungsstation - eine Art Gehege, aber nicht für die Affen, sondern für die Menschen. In der Station kann man für 50 Yen (etwa 30-40 Cent) ein Beutelchen mit Obststücken oder Nüssen kaufen. Aus der Station heraus kann man dann die Affen füttern, die einfach ihre Pfoten durch das Gitter stecken und sich die hingehaltenen Snacks greifen.














Nach dem schweißtreibenden Aufstieg und dem Weg zurück ins Tal gab es eine kleine Mittagspause am malerischen Flussufer. Auf dem Weg zum Bahnhof hatten wir dann noch etwas ganz Besonderes vor...




Eis mit Goldüberzug. Für die goldene Kacke danach. 


Auf dem Hinweg hatten wir eine kleine Fleischerei entdeckt, die echtes Wagyu-Rind verkaufte. Wer den Begriff Wagyu nicht kennt, hat bestimmt schon von Kobe-Rind gehört. Kobe-Rind ist nichts anderes als Wagyu (wörtlich: japanisches Rind), dass aus der Region Kobe stammt. Der Fleischer hier verkaufte, soweit wir sehen konnten, Wagyu aus dem Raum Kyoto. Allen Wagyu-Rindern ist gemein, dass ihr Fleisch eine unglaublich feine Maserung aufweist, die durch eine besondere Pflege und Fütterung entsteht. Entsprechend teuer ist das Fleisch, 100 Gramm schlagen schnell mit zehn bis zwanzig Euro zu Buche - und damit lag dieses Wagyu hier sicher noch im günstigen Bereich.

Und dieser Fleischer hatte nun ein besonderes Angebot: ein Spieß mit mehreren Stückchen Wagyu-Filet, paniert und kurz in heißem Öl frittiert, für 2000 Yen (etwa 16 Euro). Sicher, immer noch ein teurer Spaß für einen Spieß - aber wann sonst würden wir die Gelegenheit haben, echtes japanisches Rindfleisch ordentlich zubereitet zu essen, ohne in ein Sterne-Restaurant zu gehen.

Also kauften sich Arthur und Robert jeweils einen der Spieße und genossen das Spektakel. Wir können guten Gewissens allen Fleischfreunden sagen: die Legenden um das Wagyu-Fleisch sind nicht untertrieben.
Der Spieß wurde ganz frisch vor unseren Augen zubereitet, die Verkäufern zeigte uns noch die Stückchen, die sie verwendete - und obwohl das Fleisch nur kurz in der Panade frittiert wurde, war es so zart wie nichts anderes, was wir bisher gegessen hatten. Keine Sehnen, keine ekligen Fettstreifen - eine perfekte Mischung aus Muskel und dünnen Fettadern, die extrem saftig war und im Mund richtiggehend zerfloss (eine Formulierung, die wir bis heute für übertriebenen Unfug gehalten hatten).



Ein Mann, ein Spieß und pures Glück.

Mit gefüllten Mägen ging es nun zurück zum Bahnhof Kyoto und von dort mit dem Zug zur Station Inari. Von den westlichen waren wir nun zurück zu den östlichen Bergen gelangt. Die Station Inari liegt im Stadtteil Fushimi und beherbergt den beliebten Fushimi Inari Großschrein, der am Berg Inari liegt und der Gottheit Inari gewidmet ist.
Kurz gesagt: Inari war früher eine Erntegottheit, insbesondere für Reis. Da Reis auch als Zahlungsmittel genutzt wurde und Steuern in Reis erhoben wurde, erweiterte sich die Bedeutung Inaris bald auf Wirtschaft und Geschäfte im Allgemeinen. Heute ist Inari jene Gottheit, deren Wohlwollen alle Geschäftsleute Japans erbeten.
Der Schrein in Fushimi ist Inaris Hauptschrein. Hier finden sich Opfergaben von großen Firmen wie Asahi, einer der bekanntesten Biermarken Japans.

Zwei Dinge machen den Inari-Schrein besonders: Erstens die Fuchsstatuen überall, denn Füchse sind die Boten Inaris. Zweitens die riesigen Tore, die sich kilometerweit durch den Wald bis hinauf zum Berggipfel ziehen und die allesamt von Firme und Privatleuten gespendet wurden.




Nach einer kurzen Souvenir-Shoppingrunde begann die zweite Wanderung des Tages. Anfangs waren wir in den roten Tunneln aus endlos aneinandergereihten Toriis noch dicht gedrängt von anderen Besuchern umgeben - doch je länger und anstrengender der Aufstieg wurde, umso öfter waren wir allein in dieser magisch anmutenden Umgebung unterwegs.








Wer sich dafür interessiert, selbst mal ein Torii zu spenden: Das günstigste Tor ist für 1350 Euro zu haben, das teuerste kostet 10.000 Euro. Wir haben tatsächlich ein Torii entdeckt, auf dem eine Reihe englischer Namen geschrieben standen - da hatte wohl eine Japan-begeisterte Gruppe zusammengelegt.



An der sechsten Zwischenstation auf dem Weg zum Gipfel bot sich ein weiterer beeindruckender Blick über Kyoto - aber am Ziel waren wir noch lange nicht. Es war an diesem Punkt, an dem sich die Spreu vom Weizen trennte. Viele Touristen machten hier Rast und dann Kehrt - denn bis zum Gipfel waren noch weitere 20 Minuten Aufstieg und einige Höhenmeter zu bewältigen. Erschöpft, aber mit dem guten Gefühl viel geschafft zu haben, machten wir uns schließlich auf den Rückweg.





Gipfelfoto, im Hintergrund der heilige Stein der die Spitze des Bergs Inari markiert.


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